Mit der Honda Varadero von Nicaragua nach Alaska und zurück

Valleyview

Calgary, 10.6.2017, Kilometerstand 43523, Start um 10:00 Uhr, 9º Celsius und bedeckt

Es ist mir völlig klar, dass ich heute mit Kälte und Regen zu kämpfen haben werde. Ich habe das Thermofutter in die Jacke geknüpft und das erste mal meine neue Motorrad-Hose an, die ich bei Cycle Gear in Phoenix erstanden habe. Die ersten Kilometer bei leichtem Nieselregen sind noch ok und ich hoffe, relativ ungeschoren aus der Schlechtwetterzone herauszukommen.

Aber dann geht es richtig los. Es ist nicht der strömende Regen, der mir jetzt zu schaffen macht, es ist ein eiskalter permanenter und kräftiger Seitenwind von links, mit dem ich kämpfe. Ich fahre zwischen 100 und 120 km/h in ständiger Schräglage. Auf der Straße inzwischen auch große Wasserlachen. Ich sehe andere Motorradfahrer mit Gepäck, es ist Wochenende, die ebenfalls mit den Elementen kämpfen.

Ich spüre, dass ich mich verkrampfe, an den Unterarmen und Händen. Es fühlt sich an wie surfen oder Segeln, nicht wie Motorradfahren. Dann ändere ich meine Position, hänge mich nach links leicht heraus. Dadurch bekomme ich zwar mehr Regen ab, weil ich nicht mehr durch die Verkleidung geschützt bin, aber die Dicke läuft wieder aufrecht und, ich habe das Gefühl, stabiler. Ich kann sogar die Geschwindigkeit wieder etwas erhöhen. Nichts wie raus hier!

Nach etwa einer Stunde frieren mir die Finger ab. Ansonsten friert es mich nicht, aber die Finger schmerzen regelrecht. Ich fahre an eine Tankstelle, eine von den ganz modernen, ohne Kassenhäuschen, nur Zapfsäulen und Kreditkarten-Bezahlsystem. Aber mit Dach. Ein Harley-Fahrer mit seinem kleinen Sohn als Sozio ist schon da, zwei Pärchen, ebenfalls auf Harleys, kommen kurz darauf dazu. Die Harley-Treiber zünden sich erstmal Zigaretten an, mitten auf der Tankstelle. Ich kann es verstehen, bei dem Scheißwetter hätte ich auch geraucht, wenn ich das nicht vor  über einem Jahr endgültig aufgegeben hätte. Ich stopfe meine durchgeweichten Handschuhe rechts und links an das warme Motorgehäuse der Dicken und ziehe meine trockenen Sommerhandschuhe über, um die Finger wieder zu beleben.

Nach einer halben Stunde starten wir alle wieder durch, in den Regen. Eine weitere Stunde später sind es wieder die Finger die mich zum Stopp zwingen. Diesmal nehme ich einen McDonalds, ich will nach drinnen und einen heißen, großen Kaffee. Ich schaffe es kaum die Handschuhe auszuziehen und den Helm abzunehmen. Meine Finger gehorchen mir nicht mehr. Drinnen lege ich Helm und Handschuhe auf einen Stehtisch, es bildet sich sofort eine Pfütze um beides. Als ich nach unten schaue sehe ich, dass auch ich eine schöne Pfütze bilde. Ein fleißiger Inder wuselt um mich herum und versucht die Wassermassen unter Kontrolle zu bekommen. Kaum ist er fertig, stürmt eine Truppe BMW-Fahrer und Fahrerinnen herein, nicht minder tropfend als ich. Der Inder gibt auf und wir trinken alle gemeinsam Kaffee, jeder in seiner eigenen Pfütze.

Ich sehe, dass eine der BWM-Ladies unter den Handschuhen diese Latex-Handschuhe trägt, wie sie in Krankenhäusern etc. verwendet werden. Sowas habe ich doch auch dabei, in meinem Tante-Louise-Erste-Hilfe-Päckchen unter der Sitzbank. Ich probiere das aus, und ja, es hilft. Klar, der Latex wärmt nicht, aber er hält die Feuchtigkeit von der Haut fern. Man muss mit trockenen und warmen Händen den Latex-Handschuh anziehen und dann die nassen Motorradhandschuhe darüber. Solchermaßen ausgestattet fahre ich noch zwei Stunden durch den Regen und dann kommt die Sonne heraus. Ich habe mich durch die Schlechtwetterfront durchgesurft. Nicht so einfach wie ich dachte, aber egal, es ist geschafft.

Ich fahre eine Tankstelle an, tanke voll, trinke einen weiteren heißen Kaffee, esse meine mitgebrachten Brote mit Schinken und Emmentaler. Nur noch rund 400 Kilometer heute vor mir. Das Leben ist schön, wenn die Sonne scheint!

Dann werde ich heute doch noch mit schöner Strecke und gutem Wetter belohnt. Links regnet es, ich fahre strickt nach Norden, an den Lesser Slave Lake. Der ist rund 100 Kilometer lang und liegt in einer First Nation Indian Reservation.

Noch 200 Kilometer nach Valleyview und ich sehe auf dem Tacho, dass ich die ersten 10’000 dieser Tour fast erreicht habe. 87 Kilometer vor Valleyview ist es dann soweit, der Zähler springt auf 44200 Kilometer. Beim Start in Managua waren es genau 34200.

Um 21:00 bin ich im Motel in Valleyview. Am Sonntag ist es auch kalt und regnet, aber morgen, am Montag, scheint die Sonne und ich nehme endlich den Alaska Highway in Angriff. Achtung, ihr Bären, ich komme!

6 Kommentare

  1. Oliver

    Ja, diese Scheiss Kaelte , davor hab ich nach 30 Jahren Nikaragua richtig Angst .auf den Vulkanen Guatemalas auf 4000m hab ich mir auch zum letzten Mal den Arsch abgefroren ,weil mein Schlafsack dafuer zu duenn ist.

  2. Iris Themel

    Ich sah dich richtig in der Pfütze stehen 😉du schreibst so,dass dabei schöne Bilder im Kopf entstehen. Du hast der Kälte und Nässe getrotzt , Glückwunsch! Kanada ist fantastisch!

  3. Uwe

    Wow, Du hast Dein Ziel ja schon fast erreicht! Komm gut in Fairbanks an.
    VG Uwe

    • Bjorn

      Hallo Uwe, ich bin inzwischen schon in Dawson City, der alten Goldgräberstadt am Klondike. Morgen fahre ich nach Fairbanks!

  4. Iris Themel

    Also dann :erst einmal gute Erholung! Ich bin gespannt auf die Bilder.

  5. Iris Themel

    7 Wochen on the road und du hast das geschafft! Ich bin froh, dass es dir gut geht!

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